in der Abendssonne sitzt ein unsicherer Hund, der nach hinten über seine Schulter schaut

Unsicherheit mit Hund: Warum du deinen Hund ständig vor anderen erklärst

Unsicherheit mit Hund klang bei mir früher oft so:

„Die ist sonst nicht so.“

Meistens hatte Coco sich gerade aufgeführt, als wäre ich nur lästiges Beiwerk am anderen Ende der Leine. Sie zog irgendwohin, ignorierte mich oder machte auf ihre ganz eigene Art deutlich, dass meine Vorstellungen von diesem Spaziergang nicht unbedingt ihre waren.

„Wir trainieren schon daran“, sagte ich dann.

Oder: „Sie ist heute ein bisschen aufgeregt.“

Manchmal schob ich noch ein „Eigentlich kann sie das“ hinterher. Und wenn gar nichts mehr half, hatte sie eben einen schwierigen Charakter.

Dabei hatte mich häufig überhaupt niemand gefragt.

Der andere Mensch stand einfach nur da. Coco war gedanklich vermutlich längst beim nächsten Grashalm und ich hielt einen kleinen Vortrag über unsere Trainingsgeschichte. Wo wir angefangen hatten, was schon besser lief und warum ausgerechnet heute leider nichts davon zu sehen war.

Heute kann ich darüber herzlich lachen.

Damals war mir allerdings überhaupt nicht zum Lachen zumute.

Denn eigentlich erklärte ich in diesen Momenten gar nicht Coco.

Ich erklärte mich.

Unsicherheit mit Hund zeigt sich manchmal im Erklären

Ich höre diese Sätze bis heute von Frauen, die wegen ihres Hundes zu mir kommen.

Sie erzählen, was sie schon alles versucht haben, welche Hundeschulen sie besucht haben und woran sie gerade arbeiten. Und manchmal erzählen sie das nicht erst mir, sondern schon draußen.

Dann, wenn ihr Hund etwas tut, das andere Menschen sehen können.

Eine Frau sagte einmal zu mir:

„Ich will einfach nicht, dass die Leute denken, ich würde nichts tun oder könnte es nicht.“

Dieser Satz ist mir geblieben.

Denn darin steckt so viel mehr als die Sorge darüber, was der Hund gerade macht.

Sie wollte verhindern, dass ein fremder Mensch aus diesem einen Moment eine Geschichte über sie macht.

Dass sie ihren Hund nicht im Griff hat.

Dass sie zu nachlässig ist.

Dass sie sich nicht genug bemüht.

Oder dass sie schlicht keine Ahnung hat.

Und vielleicht kennst du genau das.

Dein Hund bellt, zieht oder hört gerade ungefähr so gut auf dich wie auf den Wetterbericht – und noch während du versuchst, mit der Situation umzugehen, ist da dieser zweite Schauplatz.

Was denkt der andere jetzt über mich?

Wenn das Verhalten deines Hundes plötzlich etwas über dich aussagt

Genau hier wird es spannend.

Denn das Bellen deines Hundes ist erst einmal Bellen.

Das Ziehen ist Ziehen.

Und eine Situation, die nicht besonders elegant gelaufen ist, ist genau das: eine Situation, die nicht besonders elegant gelaufen ist.

Wir machen daraus allerdings manchmal innerhalb weniger Sekunden sehr viel mehr.

Plötzlich wird das Verhalten unseres Hundes zu einer Aussage darüber, wer wir als Hundehalterin sind.

Und damit steht auf einmal nicht mehr nur unser Hund auf diesem Feldweg.

Gefühlt stehen wir selbst dort zur Bewertung.

Dann bekommt der Blick des anderen Menschen eine Bedeutung. Ein hochgezogenes Augenbrauenpaar reicht. Manchmal braucht es nicht einmal das.

Wir stellen uns einfach vor, was der andere denken könnte.

Und reagieren auf ein Urteil, von dem wir gar nicht wissen, ob es überhaupt existiert.

Warum das so viel Druck erzeugt

Coco hatte dieses Problem übrigens nie.

Sie war einfach Coco.

Sie dachte nicht darüber nach, ob der Mensch auf der anderen Straßenseite sie für gut erzogen hielt. Sie fragte sich auch nicht, ob sie mich gerade blamiert hatte.

Und vermutlich beschäftigte sie sich ungefähr bis zum nächsten interessanten Grashalm mit dem, was passiert war.

Ich dagegen nahm manche Begegnung noch mit nach Hause.

Die Leine hing längst am Haken. Coco schlief.

Und ich führte den Spaziergang innerlich einfach weiter.

Was hat der wohl gedacht?

Warum habe ich das nicht besser hinbekommen?

Das sah bestimmt unmöglich aus.

Was mich dabei so erschöpfte, war deshalb nicht allein Cocos Verhalten.

Es war mein Versuch, mich selbst durch die Augen anderer zu betrachten.

Und je wichtiger mir deren vermeintliches Urteil wurde, desto schwieriger wurde es, bei dem zu bleiben, worum es eigentlich ging:

Coco und mich.

Hier.

In diesem Moment.

Deine Unsicherheit bleibt nicht nur in deinem Kopf

Wenn wir uns beobachtet oder bewertet fühlen, kann sich auch verändern, was unserem Hund von uns begegnet.

Der Atem wird flacher.

Die Hand an der Leine fester.

Die Bewegungen werden hektischer.

Vielleicht wirst du deutlicher, schneller oder strenger, als du eigentlich sein möchtest.

Und deine Aufmerksamkeit ist plötzlich überall – nur nicht mehr wirklich bei dir.

Dein Hund kennt die Gedanken dahinter nicht.

Er weiß nichts davon, dass du gerade befürchtest, jemand könnte dich für unfähig oder nachlässig halten.

Er erlebt nur, was ihm in diesem Moment von dir begegnet: deine Spannung, deine Stimme, dein Tempo und deine Entscheidungen.

Und darauf reagiert er.

Du wiederum reagierst auf ihn.

So entsteht ein Wechselspiel, in dem jede Reaktion die nächste beeinflusst.

Nicht, weil du schuld daran bist, wenn dein Hund reagiert.

Sondern weil ihr nicht unabhängig voneinander durch euren Alltag geht.

Und genau deshalb lohnt es sich, nicht nur auf deinen Hund zu schauen.

Sondern auch auf das, was gerade in dir passiert.

Vielleicht erklärst du gar nicht deinen Hund

Ich musste erst lernen, Coco nicht ständig erklären zu wollen.

Und irgendwann merkte ich:

Ich wollte mit all meinen Erklärungen vor allem deutlich machen, dass ich mich kümmerte.

Dass ich nicht untätig war.

Dass ich sehr wohl wusste, wie ein Hund sich verhalten sollte.

Dass wir trainierten.

Dass ich mir Mühe gab.

Im Grunde hoffte ich wahrscheinlich, dass mein Gegenüber mir innerlich ein kleines Zeugnis ausstellte:

Sie bemüht sich wenigstens.

Das Problem war nur:

Dieses Zeugnis bekam ich nie.

Selbst wenn jemand freundlich nickte, wusste ich schließlich nicht, was er wirklich dachte.

Also nahm ich den Menschen gedanklich noch eine Weile mit und führte Gespräche weiter, die in der Realität nie stattgefunden hatten.

Ich versuchte etwas zu kontrollieren, das überhaupt nicht in meiner Hand lag:

das Bild, das ein anderer Mensch von mir hat.

Was sich verändert, wenn du nicht mehr für das Urteil anderer zuständig bist

Heute darf eine Begegnung einfach vorbei sein.

Nicht jeder Mensch muss Coco verstehen.

Und ich muss nicht dafür sorgen, dass jeder Mensch mich richtig einordnet.

Mein Hund darf einen schlechten Moment haben, ohne dass daraus ein Urteil über unsere gesamte Beziehung wird.

Ich darf eine Situation ungeschickt lösen, ohne daraus den Beweis zu machen, dass ich es nicht kann.

Und jemand darf sogar etwas über mich denken, das mir nicht gefällt.

Das bedeutet nicht, dass es mir vollkommen egal ist, was andere Menschen denken.

Es bedeutet nur, dass ich nicht mehr jeden Blick, jeden Kommentar und jede hochgezogene Augenbraue zu meiner Aufgabe machen muss.

Genau darin liegt für mich heute ein Stück Selbstführung.

Nicht dafür zu sorgen, dass im Außen niemand etwas Falsches über mich denken könnte.

Sondern auch dann bei mir zu bleiben, wenn ich nicht kontrollieren kann, wie jemand anderes mich sieht.

Die Unsicherheit verliert an Macht, wenn ich meinen Blick wieder dorthin richte, wo ich tatsächlich etwas beeinflussen kann:

auf mich.

Auf meinen Hund.

Und auf das, was gerade zwischen uns geschieht.

Die anderen dürfen denken, was sie denken.

Und wenn du dich das nächste Mal dabei erwischst, wie du schon zu einem „Der ist sonst wirklich nicht so …“ ansetzt, dann halte einen Moment inne.

Nicht, um dir das Erklären zu verbieten.

Sondern um neugierig zu werden.

Was sollten die anderen in diesem Moment auf keinen Fall über dich denken?

Und vielleicht noch wichtiger:

Was würde sich für dich verändern, wenn du nicht mehr dafür sorgen müsstest, dass sie genau das nicht denken?

Gerne möchte ich dir noch diesen Blogartikel ans Herz legen: Entspannt Gassi gehen, Souverän bleiben bei Hundebegegnungen, Überfordert mit deinem Hund, Mensch-Hund-Beziehung

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Herzlichst,
Deine Antje

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